Sabarimala: Unter dem Deckmantel des Glaubens tobt ein Machtkampf

Ein Urteil des obersten Gerichts Indiens (Supreme Court) vom 28 September 2018 und die darauf erfolgte Reaktion unterschiedlicher Interessengruppen aus Religion, Politik und Gesellschaft verschafften dem Wahlfahrtsort Sabarimala im südindischen Kerala einen bemerkenswerten Platz im Weltatlas der Religionsgeschichte und des Emanzipationskampfs von Frauen. Sabarimala ist ein Tempel im Dschungel der Western Ghats-Berge, der im Zentrum einer der größten Pilgerfahrt Südindiens steht. Hier wird die Gottheit Ayappa verehrt. Bei dem Urteil des Supreme Courts handelt es sich um eine spätestens im 21.Jahrhundert eigentlich als eine Selbstverständlichkeit geltende Erlaubnis für Frauen zwischen 10 und 50 Jahren, den Tempel von Ayappa in Sabarimala zu betreten. Damit wurde ein vom obersten Gericht Keralas im Jahr 1991  ergangenes Urteil gegen den Zutritt der Frauen aufgehoben. Manche Beobachter vertreten die Auffassung, dass sich ein säkularer Staat wie Indien und die juristischen Organe des Landes nicht in die inneren Angelegenheiten der Religionen, insbesondere in Glaubensfragen, einmischen sollten. Ganz liberal klingt dies sogar, doch die Frage ist, was wenn die Glaubenspraxis die in der Verfassung verankerten Grundrechte von Menschen verletzt? Durch das neueste Urteil gab das Supreme Court grünes Signal zur Durchsetzung des im Grundgesetz gewährten Rechts der Gleichstellung von Frauen und Männern. In dem durchwegs  männerdominierten Gesellschaftssystem Indiens, wo überwiegend die Priesterklasse und die parteipolitischen Eliten das Sagen haben, ist dieses Urteil in der Tat historisch und mutig.

Die Erfahrungen aus der Vergangenheit zeigen, dass bei ähnlichen Urteilen zur Beseitigung der "Apartheid" gegen die als unberührbar bezeichneten Dalits und Adivasi mit langjährigem Widerstand von "höheren Kastenschichten" zu rechnen ist. Selbst das Verbot von Sati (Witwenverbrennung) konnte erst nach vielen Jahren durchgesetzt werden. Viele werden es kaum für möglich halten, dass sich immer noch manche Witwen in Nordindien für die Wiedereinführung von Sati einsetzen. Sogar die Duldung einer Verdeckung des Oberkörpers von Frauen aus der Schicht der "Unberührbaren" wurde nur nach  langjährigem Protest erzwungen. Der Widerstand gegen das aktuelle Urteil war daher durchaus zu erwarten. Es scheint, dass die regierende linksdemokratische Koalition in Kerala unter der Führung der kommunistischen Partei diese historische Lebenserfahrung verkannt hat. Selbstverständlich ist die Regierung verpflichtet, den Auftrag der höchsten juristischen Instanz zu implementieren. Freiraum hätte sie jedoch in der Frage des Wie und innerhalb welcher Zeitspanne. Es wäre ratsam gewesen, vor der Umsetzung des Urteils eine grundsätzliche Verständigung unter Frauenorganisationen, Gelehrten und einflussreichen Gesellschaftsschichten über die Art und Weise  der Umsetzung  herbeizuführen.  Stattdessen entschloss  sich die Regierungskoalition,  das Urteil sofort ohne jeden Zeitverzug mit Einsatz von Polizeikräften zu implementieren. Es ist vorstellbar, dass dies die anfänglich gezeigte relativ friedliche Stimmung unter den Konfliktparteien kippte.

Die radikalen Gegner des Frauenzutritts witterten in dieser Phase  eine willkommene  Chance und sie begannen, ihren Widerstand  mit allen - sowohl friedlichen als auch gewaltvollen- Mitteln zu organisieren. Ziemlich schnell gelang es  ihnen, viele Frauen auf die Straße zu bringen.  Im Namen von Gläubigen demonstrierten sie, begleitet von Ayappahymnen, gegen die Umsetzung des Urteils. Dies gab  wiederum den Oppositionsparteien das Signal, dass sich hinter dem Widerstand ein signifikantes Wählerpotential verbergen könnte. Sie besannen sich insbesondere   an die Wählerstimmen, die vor allem durch das hinduistische Kastensystem und die Gläubigen in Islam sowie  im Christentum mobilisiert werden könnten. Aktivisten von RSS, BJP, Hindunationalisten und Ayappaverehrern waren die Fackelträger dieses Widerstands und sie sahen in diesem Konflikt eine goldene Chance, ihren Einfluss im südindischen Raum zu verankern bzw. auszubauen. In Abweichung zu ihrer Nationalführung positionierte sich sogar die Kongresspartei in Kerala gemeinsam mit ihren Bündnispartnern auf die Seite der Demonstranten ohne sich jedoch in Gewalttaten verwickeln zu lassen. Es ist offensichtlich, dass die Unabhängigkeitsbewegung von Mahatma Gandhi den Wählerstimmen Vorrang gegenüber seinen Idealen einräumt; Gandhi stritt nämlich an der Seite von Reformationskräften für die Aufhebung der Verbote der Eintrittszulassung von Dalits und Frauen. Aus der Distanz verfolgten die Religionsführer aus Christentum und Islam die Entwicklungen schweigend. Bei der Umsetzung des Urteils befürchten sie einen Dominoeffekt, da die existierenden Diskriminierungen von Frauen  in ihren eigenen  Reihen auf die nächste Agenda gehoben  werden. Beim Fallen eines Dominosteins werden weitere Steine folgen und die Mauer der Herrschaft erschüttern. Die jüngsten Entwicklungen in ihren Bereichen beschleunigen bereits diesen Prozess. Immer noch verweigern Ihre Führungen leider die Zeichen der Zeit zu erkennen.

Von der anfänglichen breiten Akzeptanz des Urteils war bald nichts mehr zu spüren. Die verheerende Flutkatastrophe im August 2018, die die ganze Bevölkerung in großer Hilfsbereitschaft zusammenschweißte, verschwand blitzartig wieder aus dem Blickfeld. Der Widerstand zum Schutz von Ayappa konzentrierte sich nun nicht gegen das Urtei des obersten Gerichts sondern gegen die linksdemokratische Landesregierung.  Gegner des Frauenzutritts organisierten sich und sie übernahmen die Regie. Frauen unter den Pilgern wurden gezwungen, ihre Ausweise zur Feststellung des Alters vorzuzeigen. Nicht selten wurden verdächtige Frauen mit Stigmatisierung, Beschimpfungen, Verletzung mit Steinwürfen und anderen Gewalttaten daran gehindert, ihre Pilgerreise fortzusetzen. Sogar ihre Familien wurden in den jeweiligen Wohnorten attackiert; dies alles, wie gesagt, unter dem Etikett des Glaubens. Aus lauter Angst blieben selbst Frauen über 50 zu Hause. Unter Polizeischutz gelang es lediglich zwei jungen Frauen das "Sanctum Sanctorum" zu besuchen. In dem Glauben, dass diese Frauen "unrein" waren, wurde unmittelbar nach ihrem Besuch das Tor des Tempels für eine rituelle Reinigungszeremonie geschlossen. Bei den Besuchen mancher jungen Mütter aus einflussreichen Familien in der Vergangenheit spürte der Zeremonienmeister, genannt Tantri, dagegen keinen Bedarf zur rituellen Reinigung. Manche Historiker behaupten, dass  Ayappa als  Gottt von den Ureinwohnern Mala Aryans aus den 18 Bergen in der Sabarimalaregion verehrt wurde. Sie hätten kein Verbot verordnet. Erst durch die Übernahme des von diesen Ureinwohnern errichteten Tempels durch ein Königshaus seien brahmanische Priester eingesetzt worden. Damit wurden auch deren Sitten und Traditionsgebote eingeführt.

Das Hauptargument der Gegner des Frauenzutritts besteht darin, dass das Zölibat das Wesensmerkmal von Gott Ayappa in Sabarimala ausmacht. Um dieses besondere Wesensmerkmal schützen zu können, sollen Frauen bis zum Ende  ihres Menstruationsalters dem Tempel fern bleiben. Hinter dieser Vorschrift steht sehr wahrscheinlich die in vielen Teilen Indiens praktizierte Sitte, die Frauen während ihrer Menstruationsperiode von allen Gemeinschaftsaktivitäten in der Familie und Gesellschaft fernzuhalten. Der lebenswichtige Menstruationsprozess wird von Vielen immer noch sowohl leiblich als auch spirituell als unrein betrachtet. Es ist in der Tat müßig, manchen Glauben oder gar den Aberglauben rational erklären zu wollen, zumal es den Streithähnen im Sabarimalakonflikt nicht um den Schutz des Glaubens, sondern den Erhalt der eigenen Macht  geht. Es geht um die Aufrechterhaltung des Status Quo gegenüber dem Kampf für grundlegende Veränderungen in der Gesellschaft.

Das endgültige Wort über den Zutritt  von Frauen zum Sabarimala-Tempel steht noch aus. Mit Spannung warten die Menschen auf das Urteil des obersten Gerichts über die Revisionsanträge. Gleich wie auch das Urteil ausfällt, der Zug mit der Botschaft des Wandels  ist bereits unterwegs. Er fährt zwar im Schneckentempo, doch die Gleise sind gelegt in Richtung Gleichheit aller Menschen gleich welchen Geschlechts, welchen Alters, welchen Glaubens, welcher Hautfarbe, oder auch welcher Nationalität. Alles ist im Fluss; der Wandel ist die Konstante in der Menschheitsgeschichte. Die diskriminierten Frauen und die marginalisierten Schichten von heute genießen mehr Befreiung als ihre Vorfahren. Diese Befreiung ist kein großzügiges Geschenk durch Bekehrung der mächtigen Unterdrücker, sondern das Ergebnis des Kampfs der Betroffenen und ihrer reformorientierten Solidaritätspartner. Das israelische Volk wartete schließlich auch  nicht auf die Bekehrung des Pharaos, als Moses mit dem Exodus begann. Auf eine Einsicht der Unterdrücker in der Welt können sich die Diskriminierten nicht verlassen. Eines Tages in der fernen Zukunft wird dieser Konflikt zum Kapitel der längst vergangenen Geschichte gehören. Unsere Nachfahren werden sich dann mit Kopfschütteln fragen, warum wohl ihre Vorfahren ihren Gott mit Diskriminierung eines Teils Seiner Schöpfung zu schützen glaubten.

Je früher diese Frage gestellt wird, desto besser.

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Dr. George Arikal ist Vorstandsmitglied der ANDHERI HILFE