Letzter Ausweg: Suizid

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Indien: Klimawandel stürzt Baumwoll-Landwirte in Teufelskreis

Wir schauen in die indische Region Vidarbha, im Osten des Bundesstaates Maharashtra gelegen. Rund 90 Prozent der Anbaufläche in diesem Distrikt sind von natürlichen Niederschlägen abhängig.

War die Region in den 1980er Jahren noch bekannt für ihr "weißes Gold", die Baumwolle, die hier angebaut wird, so trägt sie seit Mitte der 1990er Jahre den Beinamen "Hauptstadt der Landwirt-Suizide". Mindestens 16.000 Bauern jährlich haben sich zwischen 1998 und 2013 umgebracht (Quelle: gmwatch.org).

Der Klimawandel zeigt seit 30 Jahren in einigen Teilen der Region sein volles Ausmaß: Aufgrund von Missernten durch Dürre und geringe Bewässerungsmöglichkeiten nahmen viele Landwirte Kredite auf, um Saatgut und Düngemittel zu erwerben - meist bei privaten Geldverleihern, die Wucherzinsen verlangen - und verschuldeten sich noch mehr. Ein Teufelskreis.

Zurück bleiben die Frauen und ihre Kinder in größter existenzieller Not. Von einem Tag auf den anderen liegt die Verantwortung, die Familie zu ernähren, allein bei den Frauen. Die meisten von ihnen haben so gut wie keine Schulbildung. Hinzu kommt, dass die Dorfgemeinschaft Witwen diskriminiert und ausschließt. Denn in Teilen Indiens heißt es, die Frau sei "ardhangini", der halbe Körper des Mannes. Stirbt dieser, stirbt auch sie. Deswegen war es in manchen Gemeinschaften üblich, dass sich die Witwe bei der Einäscherung des Mannes mit in die Flammen stürzte. Besonders schlimm ist die Diskriminierung, wenn der Mann Selbstmord begangen hat. Denn die Schuld für den Suizid lastet man der Frau an.

Überwinden des Traumas

"Die Witwen von Vidarbha sind einem hohen sozialen und wirtschaftlichen Druck ausgesetzt. Sie benötigten sofortige finanzielle Unterstützung und ein geregeltes Einkommen", so Marcella D'Souza, Geschäftsführerin der Entwicklungsorgansation Watershed Organisation Trust (WOTR), mit der wir seit über 20 Jahren zusammenarbeiten. "Darüber hinaus brauchten sie Hilfe, um ihre geistige und emotionale Stabilität wieder herzustellen." In Workshops, bei denen die Bearbeitung ihres Traumas im Mittelpunkt stand, konnten sie zum allerersten Mal über ihren Schmerz und ihre Ängste reden. Die Erfahrung, dass es um sie geht und auch dass sie nicht allein mit ihrem schweren Schicksal sind, war neu und hilfreich für alle Teilnehmerinnen.

Inzwischen haben die Frauen selbst gewählte Kleinunternehmen in ihren Dörfern aufgebaut, z. B. Geschäfte für den täglichen Bedarf, einen Schönheitssalon, Ziegenzucht, oder sie haben in die Landwirtschaft investiert. Oft treten Schwierigkeiten, wie WOTR weiß, erst nach einiger Zeit auf, sodass eine längerfristige Begleitung sinnvoll ist. Daher förderten wir in den letzten zwei Jahren eine Konsolidierungsphase, während der die einzelnen Frauen regelmäßig besucht wurden, um Lösungen für auftretende Probleme zu finden.

Die Hilfsprojekte unserer indischen Partnerorganisation WOTR im Bereich "Dörfliche Entwicklung und Ressourcenschutz" haben in der Region zwischen 2013 und 2017 bereits mehr als 300.000 Menschen in 300 Dörfern erreicht. In diesen Dörfern geht es den Bauern heute vergleichsweise gut, sodass es hier
keine Fälle von Selbstmord aus Verzweiflung über die wirtschaftliche Not gibt.

Auszüge dieses Artikels erschienen erstmals im indischen Magazin Grassroots, im Februar
2018. Verfasser: Vikas Prakash Joshi und Vasant Korde in Pune/Ahmednagar, Maharashtra.

 

 

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Indien: Die verwitweten Frauen haben sich Kleinunternehmen in ihren Dörfern aufgebaut. Ihre Spenden helfen dabei!