Interview mit K. R. Renuka

Erstellt von Bibi Sabina Tommek | |  Indien, Bangladesch und wir

Wir haben unserer Projektpartnerin K. R. Renuka einige Fragen zum Tabuthema Menstruation gestellt. Sie arbeitet in den Slums von Chennai und umliegenden Dörfern besonders mit Frauen und Mädchen.

Frau Renuka haben wir euch bereits zum Weltfrauentag 2018 in diesem Blogbeitrag vorgestellt. Sie ist Leiterin unserer Partnerorganisation Centre for Women’s Development and Research (CWDR) in Chennai/Indien. Heute möchten wir ein ganzes Interview dieser spannenden Persönlichkeit mit euch teilen!

 

ANDHERI HILFE: "Frau Renuka, warum ist die Menstruation so ein Tabu in Indien?"

K. R. Renuka: "Vielleicht weil sie nur Frauen und Mädchen betrifft. Wenn Männer Blut vergießen, so hat dies stets etwas mit Mut und Ehre zu tun. Z.B. spricht man davon, dass Soldaten Blut für ihre Nation vergießen. Aber wenn Frauen als Zeichen der Fruchtbarkeit Blut verlieren, wird dieses Blut als unrein angesehen. Trotzdem gibt es in Indien auch Tempel, in denen die Menstruation der Göttinnen gefeiert wird, am berühmtesten ist der Kamakhya Tempel in Assam."

 

- Viele Frauen dürfen während ihrer Periode weder in die Küche, noch in den Tempel oder ins Ehebett -

 

"Wie werden Frauen und Mädchen während ihrer Periode diskriminiert? Und was tut CWDR diesbezüglich?"

"Althergebrachte Traditionen, die Frauen z.B. verbieten während ihrer Menstruation Essen zuzubereiten, im Bett neben ihrem Ehemann zu schlafen oder den Tempel zu besuchen, sind auch heute noch verbreitet. Besonders in ländlichen Gegenden kommt es vor, dass Frauen während dieser Zeit das Haus nicht betreten oder kochen dürfen. Dies ist einerseits für die Frauen hilfreich, da sie sich in den Tagen ihrer Menstruation erholen können, doch andererseits bleibt alle Arbeit liegen und muss 3-5 Tage später erledigt werden. In vielen Tempeln ist der Zutritt für Frauen während ihrer Periode verboten. Doch vieles ist im Wandel. Z. B. machen die Lebensbedingung den Slums es nötig, mit den Traditionen zu brechen. Die Familien leben oft in nur einem Raum zusammen. So wird im selben Raum geschlafen, gekocht und gegessen. Die Frauen können nicht mehr „verbannt“ werden, doch immer noch wird ein Tuch vor die Abbildung der Hindu-Götter gehangen, während die Frau ihre Periode hat.
Viele Frauen sind heutzutage berufstätig und daher auch während ihrer Menstruation aktiv. Wir klären Mädchen und Frauen über die Vorgänge in ihrem Körper auf und so sehen sie nichts Unreines oder Unnatürliches mehr in ihrer Menstruation. Wichtig ist auch, dass diese Frauen und Mädchen ihr Wissen weitergeben und so die Menstruation mehr und mehr zu etwas völlig Normalen wird."

 

"Mit der Organisation CWDR bietet Ihr Sexualkunde an Schulen an. Ist diese Aufklärungsarbeit nicht Teil des regulären Lehrplans?"

"Es ist eines unserer größten Anliegen, dass ausführliche Sexualkunde Teil des regulären Lehrplans an den indischen Schulen wird. Unter der aktuellen Regierung wurden weitere Unterrichtsinhalte gestrichen und so nehmen auch Schwangerschaften von Minderjährigen wieder zu. Wir leisten wichtige Aufklärungsarbeit, können jedoch mit unseren Veranstaltungen nur einen kleinen Bruchteil der Schülerinnen und Schüler erreichen. Darum erachten wir es als sehr wichtig, dass Sexualkunde an allen Schulen unterrichtet wird. Wir sind uns sicher, wäre dies Bestandteil der regulären Lehrpläne, so würden sich auch die Eltern nicht dagegen auflehnen."

 

"Wie reagieren die Mädchen, wenn ihr das erste Mal über Menstruation sprecht?"

"Zu Beginn sind die Mädchen sehr schüchtern, oft blicken sie zu Boden oder fangen an zu kichern. Wenn wir aber weiter über das Thema sprechen, werden sie offener. Und wenn sie dann merken, dass alle ihre eigenen Geschichten haben und es hilft diese zu teilen, entwickeln sich sehr gute Gespräche. Schnell merken sie: Die Menstruation sollte kein Tabu sein."

 

- Binden sind eine Lösung, aber auch ein Problem -

 

"Nur 12 % der indischen Mädchen und Frauen haben Zugang zu Produkten der Menstruationshygiene. Wie helft Ihr in den Projekten den Frauen Zugang zu Binden etc. zu erhalten?"

"Im letzten Jahr haben wir versucht wiederverwendbare Stoffbinden in den Slums und Dörfern, in denen wir arbeiten, einzuführen. Leider hat dies nicht reibungslos geklappt, da die Frauen oft Probleme hatten, da sie keinen Zugang zu ausreichend Wasser hatten, um die Binden zu waschen. Ein großes Problem ist, dass die herkömmlichen Binden nicht biologisch abbaubar sind und es in Indien kein gutes System der Müllentsorgung gibt. Wenn Frauen und Mädchen Binden nutzen, packen sie meist jede einzelne in eine Plastiktüte, bevor sie sie entsorgen. Ein riesiger Müllberg entsteht. Es wäre daher sehr zu wünschen, dass sich wiederverwendbare Stoffbinden durchsetzen würden. Dafür müssten aber andere Probleme, wie z.B. die Wasserversorgung gelöst werden.
In unseren Projekten gibt es auch Überlegungen, eigene kleine Binden-Fabrikationen zu gründen. Dies gäbe den Frauen ein Einkommen und zugleich Zugang zu kostengünstigen Hygieneprodukten."

 

"Für viele Mädchen ist es ein großes Problem, dass es an ihren Schulen keine oder nur unzureichende Toiletten gibt, obwohl die Ausstattung mit Toiletten im Gesetz verankert ist. Für rund 25 % der Mädchen bedeutet der Beginn ihrer Pubertät das Ende ihrer Schullaufbahn. Was tut Ihr in diesem Zusammenhang?"

"Wir setzen uns dafür ein, dass es genügend und saubere Schultoiletten gibt. Dazu sind wir mit Vertretern der Schulen und der Behörden in Kontakt. Auch setzen wir uns dafür ein, dass es ausreichend Mülleimer gibt, um Binden zu entsorgen oder sogar eigene kleine Öfen, in denen die Binden verbrannt werden können."

 

- Eine App gegen das Tabu? -

"Was denkst Du ist notwendig, um das Tabu der Menstruation zu brechen?"

"Aufklärung ist das Wichtigste. Männer und Frauen müssen wissen, dass die weibliche Periode ein ganz natürlicher Vorgang ist, der jeden Monat Millionen von Frauen und Mädchen weltweit begleitet. Wir setzen bei unserer Aufklärungsarbeit auch auf die modernen Medien. So haben wir eine App für Mobiltelefone entwickelt, die sich an Mädchen in der Pubertät richtet. Es gibt informative Texte zu verschiedenen Themen wie Menstruation, Pubertät und Schwangerschaft. Außerdem gibt es Frage-und-Antwort-Spiele, um die Mädchen spielerisch an die Themen heranzuführen. Demnächst soll die App im Google Play Store veröffentlicht werden. Auch möchten wir uns dafür einsetzen, dass es die notwendigen Einrichtungen gibt, die das Leben der Frauen in Indien einfacher machen. Z. B. öffentliche Automaten, an denen man Hygieneprodukte kaufen kann oder Entsorgungsmöglichkeiten in öffentlichen Toiletten. Die Menstruation soll ein natürlicher Bestandteil unser aller Leben werden und nichts wofür man sich schämen muss."

 

Mehr zum Projekt von CWDR, das durch die ANDHERI HILFE gefördert wird, erfahrt ihr hier.

 

 

 

 

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