Indiens verlorene Mädchen

Erstellt von Ruth Kluge | |  Indien, Bangladesch und wir

Seit Jahren findet in Indien ein Femizid statt – Mädchen werden als Föten abgetrieben oder als Neugeborene getötet. Ein Beitrag zum Weltmädchentag am 11.10.2018

 

Sie fehlen. In der Schule. Im Alltag. Auf dem Arbeits- und auf dem Heiratsmarkt. Überall.  Indien fehlen hunderttausende Mädchen. Doch wo sind sie hin? 

Frauen und Mädchen haben es schwer in Indien. Wenn sie überhaupt erst geboren werden – denn das natürliche Gleichgewicht im Geschlechterverhältnis ist in Indien leider nicht so natürlich. 1961 kamen auf dem Subkontinent noch 976 Mädchen auf 1000 Jungen im Alter bis sechs Jahre. In 2011 waren es nur noch 918 Mädchen, in bestimmten Regionen zeitweise sogar nur 770. Dies lässt sich vor allem auf eine besondere Praktik zurückführen: den weiblichen Fetozid. Das Abtreiben weiblicher Föten vor der Geburt. 

In Deutschland ist die Geschlechtsbestimmung vor der Geburt Standard. Vor Ende der zwölften Schwangerschaftswoche darf ein Arzt die Eltern jedoch nicht über das Geschlecht des Fötus informieren. Diese Frist ist bewusst gewählt, denn bis zur zwölften Woche sind hierzulande Schwangerschaftsabbrüche straffrei möglich. So werden geschlechtsbedingte Abtreibungen vermieden. In Indien ist die Diagnostik des Geschlechts vor der Geburt bereits seit 1996 komplett verboten. Und wird doch meist durchgeführt.  

Femizid und weiblicher Fetozid offenbaren schreckliche Zahlen

Indien hat mehr als 1,3 Milliarden Einwohner. So ergeben sich erschreckend hohe Zahlen: Es gibt Studien, die von mehr als 50 Millionen Frauen sprechen, die in den letzten drei Generationen systematisch und gezielt aufgrund ihres Geschlechts getötet wurden. Dazu gehören verschiedene furchtbare Praktiken. Zum Beispiel die besagte Abtötung weiblicher Embryonen, aber auch Kindesmord, Tod durch Verhungern und Vernachlässigung, Mitgift- oder „Ehren“-Morde sowie eine hohe Müttersterblichkeit durch wiederholte und erzwungene Abtreibungen. Allein der Fetozid, das Abtreiben weiblicher Föten vor der Geburt und das Töten von Mädchen unmittelbar nach der Geburt, hat in den letzten 30 Jahren wahrscheinlich mehr als 12 Millionen Mädchen das Leben gekostet.  


Konkret ist es meist die Furcht vor dem drohenden finanziellen Ruin bei der später anfallenden Mitgift für die Verheiratung von Töchtern, die diesen neugeborenen Mädchen das Leben verwehrt. Meist entscheidet die Schwiegerfamilie über das Leben des Mädchens; die Tötung übernimmt oft die Schwiegermutter oder eine von ihr beauftragte Frau aus dem Dorf. Mädchentötung ist selbstverständlich auch in Indien gesetzlich verboten, aber da der Mord als „natürliche Todesursache“ dargestellt wird, bleibt oftmals jegliche Strafverfolgung aus.

Dieser Femizid in all seinen Ausprägungen hat ungeahnte Folgen für die indische Gesellschaft. Das Bild von wertlosen Mädchen und Frauen sitzt tief und wird von Generation zu Generation weiter getragen. Denn durch die Art und Weise, wie schon Mädchen in der indischen Gesellschaft behandelt werden, verinnerlichen ihre Brüder, dass ihre Bedürfnisse wichtiger sind als die ihrer Schwestern – langfristig trägt dies dazu bei, dass Gewalt an Frauen sozialisiert und gesellschaftsfähig wird. 

 

Schon über 12.000 Mädchen konnten vor der Tötung nach der Geburt gerettet werden!

Wir arbeiten unter dem Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe“ schon seit über 50 Jahren mit den am stärksten benachteiligten Bevölkerungsgruppen in Indien und Bangladesch. Frauen und Mädchen gehören in allen Projekten zur Zielgruppe. Schon seit vielen Jahren gibt es Projekte zur Stärkung der gesellschaftlichen Position der Frau in Indien und zum Kampf gegen Mädchentötung. 

Die Gründerin der ANDHERI HILFE, Rosi Gollmann, wurde für ihren Einsatz zum Schutz von Mädchenleben bereits mehrfach geehrt, zuletzt im vergangenen Jahr als sie als eine von drei Kinderrechtshelden_innen mit dem World’s Children’s Prize ausgezeichnet wurde. Durch den Einsatz der 91-Jährigen und vor allem durch die Arbeit unserer Partnerorganisationen konnten in Indien mehr als  12.000 Mädchen – die sonst getötet worden wären – gerettet werden! 

 

Ohne ein grundlegendes Umdenken in der indischen Gesellschaft geht es nicht

Damit Frauen in Indien nicht mehr benachteiligt werden ist ein grundlegendes Umdenken der Gesellschaft nötig: Die Frau muss als dem Mann gleichwertig anerkannt werden, mit gleicher Würde und gleichen Rechten. Damit ihr dieser ihr zustehender Platz eingeräumt wird, bedarf es der Aufklärung des gesamten Umfeldes und ebenso der schulischen und beruflichen Förderung von Mädchen und Frauen. Dazu kommt die dringende Notwendigkeit, den gesetzlich schon lange verbotenen Mitgiftbrauch in der Realität abzuschaffen. Allerdings ist es oft die Armut, die Menschen zu derartigen Entscheidungen treibt. Die Verbesserung der schwierigen wirtschaftlichen Situation vieler Menschen im ländlichen Indien muss daher verbessert werden, denn eine sichere Existenzgrundlage ist Voraussetzung dafür, dass sich Strukturen und Denkweisen der Menschen ändern. 


Zum diesjährigen Weltmädchentag ruft die ANDHERI HILFE dazu auf, Frauen und Mädchen besonders in Indien gezielt zu fördern – damit nicht noch mehr von ihnen verloren gehen!

 

 

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Mädchen haben es in Indien nicht leicht. Die ANDHERI HILFE will das ändern.