Biogas, Indien und Frau Ankalgi

Erstellt von Barbara von Hillebrandt-Jung | |  Indien, Bangladesch und wir| Indien

Holz ist in Indien Mangelware. Trotzdem werden täglich tausende Kubikmeter auf Kochstellen verfeuert - schlecht für Klima und Gesundheit. Wie Biogasanlagen das ändern können, lest ihr hier.

 

Biogasanlagen mit Toiletten sind ein wahrer Segen, ganz besonders für Frauen und Mädchen. Im südindischen Karnataka arbeitet unsere Partnerorganisation Jana Jagaran daran, mit Biogasanlagen die Lebensbedingungen von Klein- und Kleinstbauern stetig zu verbessern.


Für Frau Ankalgi hat mit der Biogasanalage und einer eigenen Toilette
ein neues Leben begonnen


Die neunköpfige Familie Ankalgi ist glückliche Besitzerin einer kleinen 2 m³ fassenden Biogasanlage mit angeschlossener Toilette. Sie gehört als Adivasi - so werden die indigenen Bevölkerungsgruppen Indiens genannt - zu den ärmsten Bewohnern des Dorfes Santibastwad im Bundesstaat Karnataka.
Die Eltern, fünf Kinder im Alter von eins bis zwölf Jahren und Großeltern leben in einem kleinen Lehmhaus. Sie halten ein Paar Zugochsen, um ihr 2 Acres (umgerechnet rund 0,8 ha) umfassendes Land zu bearbeiten. Zweimal täglich wird die Biogasanlage mit dem Dung der Ochsen und Küchenabfällen gespeist, zusätzlich zu den menschlichen Exkrementen aus dem Plumpsklo, das direkt mit der Anlage verbunden ist. Mit dem entstehenden Gas können sie 80 % ihres Energiebedarfs zum Kochen decken.

Für Frau Ankalgi, ihre Schwiegermutter und die vier Töchter  hat mit der Biogasanalage und einer eigenen Toilette ein neues Leben begonnen: Sie müssen ihre natürlichen Bedürfnisse tagsüber nicht mehr unterdrücken, eine eigene Toilette bedeutet außerdem Sicherheit, Hygiene und Wahrung ihrer Intimsphäre. Das Kochen mit Biogas ist eine enorme Arbeitserleichterung und die Familienmitglieder sind nicht mehr dem krank machenden Rauch ausgesetzt.


"Früher saß ich stundenlang neben dem qualmenden Feuer, um zu
pusten, damit es ja nicht ausgeht. Ich hatte ständig Husten von dem vielen Rauch" 
Kirthi Ankalgi, 12 Jahre


Frau Ankalgi erzählt: „Die Biogasanlage ist ein wahrer Segen für mich. Während meiner ersten vier Schwangerschaften hatten wir noch keine Toilette. In dieser Zeit habe ich besonders darunter gelitten, mich nur im Schutze der Dunkelheit auf den umliegenden Feldern erleichtern zu können, immer angsterfüllt vor streunenden Hunden und Schweinen, Schlangen, anderen wilden Tieren und natürlich auch Männern, die uns Frauen auflauern und belästigen. Meine letzte Schwangerschaft war dank unserer eigenen Toilette so viel leichter für mich. Und früher habe ich jeden Morgen mindestens drei Stunden mit Feuermachen und Kochen verbracht, jetzt bin ich in anderthalb Stunden fertig, kann früher arbeiten gehen und auf unserem kleinen Feld helfen. Da die Kochgefäße nicht mehr so stark verrußen, ist auch der Abwasch rasch erledigt. Und wir Frauen müssen nicht mehr mühsam Feuerholz heranschleppen. Das ist auch für meine bereits ältere Schwiegermutter eine große Entlastung.“

Ihre zwölfjährige Tochter Kirthi ist ebenfalls glücklich: „Heute muss ich nur ein Streichholz anzünden, damit wir kochen können. Früher saß ich stundenlang neben dem qualmenden Feuer, um zu pusten, damit es ja nicht ausgeht. Ich hatte ständig Husten von dem vielen Rauch.  Früher bin ich oft zu spät in die Schule gekommen, das passiert heute nicht mehr. Und ich habe viel mehr Zeit, um Hausaufgaben zu machen. Meine Schulleistungen sind viel besser geworden. Eine eigene Toilette zu haben ist auch wunderbar und viele Schulkameradinnen beneiden mich darum.“


In Indien noch Alltag: Fernab der städtischen Zivilisation haben die meisten Haushalte keinen Zugang zum öffentlichen Stromnetz

Unsere langjährige Partnerorganisation Jana Jagaran arbeitet seit vielen Jahren im südindischen Bundesstaat Karnataka in sehr rückständigen Dörfern. Die meisten Menschen dieser trockenen Region sind arme Klein- und Kleinstbauern. Sie leben von dem, was sie selbst anbauen, ihren Tieren und ungelernter Lohnarbeit. Fernab der städtischen Zivilisation haben die meisten Haushalte keinen Zugang zum öffentlichen Stromnetz. Die Menschen in der Projektregion kochen mit Holz, Ernterückständen und Kuhdung. Dafür werden pro Tag und Haushalt im Schnitt 6 kg Holz benötigt und so werden in Indien täglich tausende Kubikmeter Holz verfeuert. Und weil Holz bereits Mangelware ist - nur noch 14,16 % der Fläche sind mit Wald bedeckt - werden täglich viele Stunden Arbeit für die Beschaffung eingesetzt. Eine mühselige Arbeit für Frauen und Mädchen.

Nicht nur das Kochen selbst, auch das Säubern der Kochgefäße ist wegen der starken Rußentwicklung beim Verbrennen von Holz, Ernterückständen und getrocknetem Kuhdung sehr aufwendig. Jährlich sterben weltweit 4 Mio. Menschen weltweit an den Folgen des krank machenden Rauchs durch ineffiziente Verbrennung von Biomasse auf offenen Kochstellen. Vor allem Frauen und Kinder sind in der Projektregion bis zu 7 Stunden täglich beim Kochen dem beißenden Rauch ausgesetzt. Es kommt u.a. zu einer erhöhten Kohlenmonoxid- und Feinstaubbelastung. Das Krankheitsrisiko dieser Frauen und Kinder ist um ein vielfaches größer. Verschiedenste Erkrankungen der Atemwege und Augen, des Herz-Kreislaufsystems sowie allgemeine Immunschwäche sind daher weit verbreitet. Der Rauch wirkt sich sehr negativ in der Schwangerschaft aus (z.B. niedriges Geburtsgewicht) und führt zu höherer Kindersterblichkeit. Außerdem gibt es viele Unfälle mit Kindern wegen des offenen Feuers im Haus.



Nur etwa die Hälfte der indischen Bevölkerung hat Zugang zu Toiletten! 

Ein weiteres großes Problem vor allem für Frauen sind fehlende Toiletten, von denen die armen Familien nur träumen können. Nur rund die Hälfte der Bevölkerung hat Zugang zu Toiletten*, wobei viele Toiletten gar nicht genutzt werden und das trotz der aufwendigen Kampagne des Premierministers Modi für ein „Sauberes Indien“. Es ist relativ einfach Toiletten zu bauen, sie werden aber nicht genutzt, da die Leerung der Gruben, d.h. der Kontakt mit Fäkalien, im Kastensystem Aufgabe der Dalits („Unberührbaren“) und damit sozial stigmatisiert ist. Aus Mangel an Toiletten bzw. durch Nichtnutzung sind die Dörfer verschmutzt und mit Krankheitserregern kontaminiert.

Neben der mangelnden Hygiene im Dorf leiden besonders die Frauen darunter, dass sie ihre Notdurft vor allem nachts auf den Zugangsstraßen ins Dorf oder in den umliegenden Feldern verrichten müssen. Dabei setzen sie sich Übergriffen durch Männer aus. Tagsüber halten sie ihre Bedürfnisse zurück und haben auch während der Menstruation keinen geschützten Raum für Intimhygiene. In der Folge sind Unterleibs-, Blasen- und Nierenprobleme weit verbreitet. Frauen sind daher der Motor bei der Akzeptanz und Nachfrage nach Biogasanlagen mit Toiletten, da sie ihre größten Probleme effizient lösen.

 

Viele Familien besitzen Kühe: Warum nicht den
Dung der Tiere zur Gewinnung von Energie nutzen?!


Der Leiter unserer Partnerorganisation, Joe Chenakala und sein motiviertes Team, haben eine innovative Lösung für die vielschichtigen Probleme der armen Familien gefunden. Die Grundüberlegung erscheint simpel: die meisten Bauerfamilien halten Kühe. Mit 153 Tieren pro km² hat der Distrikt eine sehr hohe Tierdichte. 30 % der Tiere gehören armen Familien, die unter der Armutsgrenze leben. Warum nicht den Dung der Tiere zur Gewinnung von Energie nutzen?! In einer familiär genutzten Biogasanlage des indischen Modell „Deenabhandhu“ entsteht Energie in Form von Biogas durch die Vergärung von Kuhdung, menschlichen Exkrementen und anderem organischen Abfall. Das Modell Deenabhandhu ist von der indischen Regierung für seine Betriebssicherheit zertifiziert. Die Größe der Anlage (Gärkammer) ist angepasst an die zur Verfügung stehende Menge an Dung und menschlichen Exkrementen. Das täglich produzierte Gas wird täglich zum Kochen genutzt, d.h. fortlaufend verbraucht.

Jana Jagaran baut Biogasanlagen immer zusammen mit Toiletten, da sich beide Komponenten sehr gut ergänzen. Außerhalb des Hauses (die Häuser selbst sind sehr klein) wird in unmittelbarer Nähe zu der Biogasanlage ein kleines „Toilettenhäuschen“ errichtet. Die menschlichen Exkremente gelangen über ein separates Rohr aus dem Plumpsklo direkt in die Gärkammer. Bei deren Vergärung entstehen im Verhältnis zur Menge mehr Gase als bei Tierdung, da Menschen eine nährstoffreichere Nahrung zu sich nehmen. So werden zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: die Fäkalien werden entsorgt, ohne dass direkter Kontakt mit ihnen notwendig ist und sie liefern wertvolle Energie, eine geniale Lösung im indischen Kontext.

 

Biogasanlagen mit Toiletten: ein Segen für Mensch und Umwelt!

Diese Toiletten werden zu 100% genutzt! Und die Umwelt freut sich ebenfalls: Biogasgülle als Abfallprodukt ist ein hochwertiger organischer Dünger, um die Bodenfruchtbarkeit der verarmten Böden zu erhöhen. Wertvolle organische Substanz geht nicht länger als Brennstoff zum Kochen verloren. Ebenso wird die Abholzung von Wald eingedämmt und durch die Verwandlung von Kuhdung und menschlichen Exkrementen in Biogas können schädliche Treibhausgase (Methan, Kohlendioxid) effektiv reduziert werden (Reduktionspotential von 75 % in warmen Klimaten).

Somit sind diese Biogasanlagen in Kombination mit Toiletten wahrlich ein Segen für Mensch und Umwelt! Sie erleichtern nicht nur das Leben der armen Bauernfamilien, insbesondere der Frauen, sondern leisten einen wichtigen Beitrag zum Umwelt- und Klimaschutz!


Barbara von Hillebrandt-Jung ist Projektreferentin für Indien bei der ANDHERI HILFE

*Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Beitrags hieß es "Nur 25% der indischen Bevölkerung hat Zugang zu Toiletten". Wir haben diese Zahl nochmals geprüft und berufen uns nun auf den "Out of Order"-Bericht von WaterAid aus 2017.

Fotostrecke: Biogas, Indien und Frau Ankalgi

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